Die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht immer wieder neu erzählt zu werden. Also wird die Migros zum 100-Jahr-Jubiläum noch oft berichten, wie 1925 alles begonnen hat, als Gründer Gottlieb Duttweiler fünf Ford-T-Verkaufswagen durch die Stadt Zürich fahren liess.
Der «fahrende Laden», wie das damals hiess, war aus einer Not geboren: Duttweiler wurde von Immobilienbesitzern angefeindet, und weil dem Migros-Gründervater niemand Ladenfläche vermieten wollte, startete er mit einem Geschäft auf Rädern.
Dutti aus der Not zum Disruptor geworden
Aus einem Nachteil ein Marketingalleinstellungsmerkmal zimmern – gleich zum Migros-Beginn zeigte sich der damalige Outsider Duttweiler ein erstes Mal als Disruptor par excellence. Einer, den das Establishment verhindern wollte, wusste sich selber zu helfen – und attackierte alle Alteingesessenen.
Hundert Jahre später gehört die Migros längst selber zum Establishment und wird ihrerseits herausgefordert. Nicht nur vom ewigen Rivalen Coop und von den deutschen Discountern, sondern auch von Neulingen wie Rossmann und Action. Die letzteren beiden suchen Ladenflächen in der Schweiz und könnten bei der Migros fündig werden. Der orange Riese hat nun zwar alle seine Fachmarktketten verkauft oder sich ihrer sonst wie entledigt, dabei konnten aber nicht alle Läden abgestossen werden. Die übernehmenden Firmen sassen am langen Hebel und waren gewitzt genug, nur jene Flächen zu übernehmen, die für sie Sinn machten.
Auf wie viel übrig gebliebener Fläche man sitzt, weiss man bei der Migros-Zentrale zwar nicht. Das wüssten nur die zehn Genossenschaften, heisst es. Zu vermuten ist, dass es Zehntausende Quadratmeter sind. Was man am Hauptsitz aber weiss: An konkurrenzierende Formate will man die freien Flächen nicht vermieten.
Konkurrenz belebt das Geschäft? Nicht bei der Migros
Klar, Sonnencremes und Zahnbürsten von Rossmann stehen in Konkurrenz zu Angeboten der Migros-Supermärkte; ebenso Katzenfutter und Küchenschwämme von Action. Was innovative Retailer heute aber wissen: Konkurrenzierende Formate sorgen für Frequenzen – und das nützt allen Anbietern. Einfach gesagt: Wer Katzenfutter bei Action einkauft, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch beim benachbarten Migros-Supermarkt reinschauen. So sieht das aus im Ökosystem der Einkaufszentren. Konkurrenz belebt nun mal das Geschäft. Wer dieses Spiel nicht gekonnt spielt, limitiert sich selbst, weil man sich so um zusätzliche Kundinnen und Kunden bringt.
In der Migros-Zentrale sieht man das anders. So wird die Firma, die einst auf dem Immobilienspielfeld hätte verhindert werden sollen, selber zur Verhinderin.
Wobei sich bei diesem Thema noch das wundersame Migros-Biotop entfalten könnte: Wenn einzelne der zehn Genossenschaften unter hohem Druck stehen, Flächen loszuwerden, ist ihnen das merkantile Ökosystem vielleicht näher als die Ansichten der Zentrale.