Institutionelle Investoren in der Schweiz, allen voran die Pensionskassen, verwalten zwar gewaltige Vermögen, erzielen jedoch nur mittelmässige Renditen. Über die wahre Grösse der Vermögen wird nur gemunkelt – im Jahr 2023 waren es jedoch über drei Billionen Franken, wovon rund eine Billion den Schweizer Pensionskassen zuzurechnen ist. Die Anlagerendite in der Schweiz liegt dabei gemäss einer Studie von Swisscanto im Durchschnitt der letzten zehn Jahren bei nur 3,5 Prozent und erreichte 2023 rund 5,1 Prozent. Dies ist relativ betrachtet schlechter als der internationale Standard – amerikanische Pensionskassen erzielten im Schnitt immerhin sieben Prozent im Jahr 2023.
Warum hinkt gerade die Schweiz als einer der wichtigsten Finanzplätze weltweit – mit immerhin dem dritthöchsten institutionellen Vermögen in Europa – im internationalen Vergleich hinterher? In den USA und zunehmend in Europa tätigen institutionelle Anleger verstärkt Investitionen in den Bereich Venture Capital (VC); Schweizer Pensionskassen halten sich in dieser Anlageklasse aktuell noch auffallend zurück.
Die Ausgangssituation in der Schweiz
Die Schweiz ist bekanntermassen Innovationsweltmeisterin. Sie beherbergt einige der renommiertesten Universitäten weltweit und gilt als starker Innovationsstandort mit einem gut funktionierenden Start-up-Ökosystem. Doch institutionelle Investoren konnten bisher noch kein Vertrauen in den heimischen VC-Markt gewinnen, wenn man sich die harten Fakten anschaut.
Max Meister ist General Partner von Koyo Capital mit Sitz in Baar, ZG.
Schweizer Pensionslassen dürfen seit Anfang 2022 bis zu fünf Prozent in den Bereich Venture Capital investieren. Dies verbirgt sich hinter der «Quote für Anlagen in nichtbörsennotierte Schweizer Unternehmensbeteiligungen». 2023 haben nicht einmal 100 der über 1300 Schweizer Pensionskassen in diese Anlagekategorie investiert, und dies nur mit mässigem Appetit: Nur 0,02 Prozent der Schweizer Pensionskassenvermögen werden im VC-Bereich angelegt. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Gründen für diese Zurückhaltung, die die Entscheider bei institutionellen Investoren stets anführen.
Regulatorische Hürden
Einer der Hauptgründe für die geringe Beteiligung der Pensionskassen am VC-Markt sind die strengen regulatorischen Vorgaben. In der Schweiz unterliegen Pensionskassen der «BVV 2»-Regulierung, die klare Anlagegrenzen aufweist. Zwar wurde wie erwähnt die Hürde für nichtkotierte Anlagen gelockert, aber die strengen Vorschriften zur Risikodiversifikation und zu den Sicherheitsanforderungen machen es durchaus schwierig, grosse Summen in die Anlageklasse Venture Capital zu stecken. Ein limitierender Faktor ist sicherlich auch, dass Pensionskassen die ausreichende Liquidität ihrer Anlagen gewährleisten müssen. Dass der Markt für Private-Equity- und Venture-Capital-Investments notorisch illiquid ist, hilft nicht wirklich.
Sicherheitsdenken und Risikoaversion
Wir lehnen uns nicht zu weit aus dem Fenster mit der Meinung, dass Schweizer Pensionskassen, auch historisch bedingt, eher konservativ sind. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, eine möglichst sichere und stabile Rendite für ihre Versicherten zu erwirtschaften, ohne übermässige Risiken einzugehen. Venture Capital ist dagegen für sein hohes inhärentes Rendite-Risiko-Profil bekannt. Es zeigt sich, dass viele Schweizer Investoren daher traditionell vermeintlich stabilere Anlagen wie Immobilien, Anleihen, Infrastrukturprojekte oder Blue-Chip-Aktien bevorzugen. Deren inhärente Risiken lasse ich an dieser Stelle unkommentiert.
Fehlende Expertise und Strukturen
Ein weiteres Problem ist der Mangel an VC-spezifischem Fachwissen und der Branche zugeneigten Strukturen. Venture Capital erfordert besondere Kenntnisse und Netzwerke, damit langfristig wiederholbare und erfolgreiche Investitionen getätigt werden können. Gleiches gilt bei der Fondsmanagerauswahl. In Ländern wie den USA oder Grossbritannien haben sich institutionelle Investoren über Jahre hinweg das notwendige Know-how angeeignet und eigene Teams für diese Anlageklasse aufgebaut. In der Schweiz gibt es hingegen nur wenige Pensionskassen, die in ihren internen Teams über dedizierte Private-Markets- oder gar VC-Spezialisten verfügen. Und was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Martin Hammele, Geschäftsführer der Pensionskasse Veska, sagt dazu: «Die Pensionskassen als bedeutende Investoren auf dem Finanzmarkt sollten ein vitales finanzielles Interesse an Investitionen in zukunftsgerichtete Unternehmen haben. Leider hat sich das bei vielen Schweizer Pensionskassen offenbar noch nicht herumgesprochen.»
Die Folgen der zögerlichen Investments in die Anlageklasse sind gravierend. Zunächst leidet das Schweizer Ökosystem immens. Über die Hälfte des in der Schweiz in den Bereich Venture Capital investierten Vermögens stammt aus dem Ausland. Dadurch, dass lokales Wachstumskapital fehlt, haben es Schweizer Start-ups trotz des Innovationsvorsprungs schwer, sich vor Ort weiterzuentwickeln und global relevant zu werden. Viele Jungunternehmen sind mittlerweile auf ausländische Investoren angewiesen und orientieren sich bereits kurz nach der Gründung dorthin, was dazu führt, dass ein grosser Teil der späteren Wertschöpfung ins Ausland abfliesst. Das Wunderbare am VC-«Flywheel» ist, dass erfolgreiche Unternehmen und Venture Capitalists durch Exits an Kapital kommen, das sie wiederum ins Ökosystem reinvestieren. Die aktuelle Situation bricht hier jedoch mit dem Modell, denn wenn die Renditen ins Silicon Valley fliessen, profitiert der Standort Schweiz deutlich weniger. Dieser Umstand schwächt nicht nur das Ökosystem, sondern gefährdet langfristig gar die Innovationskraft der Schweiz. Wenn Pensionskassen einen für sie kleinen Anteil zusätzlich in Schweizer Venture Capital – die Zukunft der Schweizer Wirtschaft – investieren würden, hätte das einen immensen Effekt. Zudem könnten Pensionskassenbezüger von der Wertschöpfung aus Innovationen, die sie durch ihre Steuern mitfinanziert haben, nachhaltig profitieren.
Interessanterweise könnten die risikoreicheren Investitionen in Venture Capital bei den Pensionskassen langfristig zu einem reduzierten Risiko in den Portfolios führen. Während VC-Investments für sich genommen auf den ersten Blick durchaus risikoreich erscheinen, bieten sie über einen Zeithorizont von zehn oder zwanzig Jahren eine attraktive Diversifikationsmöglichkeit, wenn man es denn richtig angeht. Studien zeigen, dass ein relevanter Anteil an VC-Investitionen die Gesamtperformance von Portfolien deutlich verbessern kann. Pensionsfonds der Ivy-League-Universitäten und US-Pensionskassen wie CalPERS schwören seit Jahrzehnten auf eine substanzielle Allokation in den Bereichen Private Equity und Venture Capital – und werden mit einer starken Performance belohnt.
Und letztlich ist es einfach eine verpasse Chance. Klar, die Renditen der Schweizer Pensionskassen hinken hinter den internationalen Vorbildern hinterher, und das fehlende Private-Equity- und Venture-Capital-Exposure spielt hier eine grosse Rolle. Aber Venture Capital ist nicht nur Renditetreiber, sondern stärkt auch die Innovation eines Landes. Nationen mit einer starken VC-Szene ziehen Talente, Kapital und neue Technologien an. Wenn die Schweiz sich in diesem Bereich weiterhin so wegduckt, könnte sie langfristig ihre Position als Innonvationsweltmeisterin verlieren.
Für eine echte und nachhaltige Änderung müssten die regulatorischen Rahmenbedingungen weiter gelockert werden, es müssten Incentive-Systeme geschaffen werden, die Anlageklasse Venture Capital sollte im öffentlichen Diskurs besprochen werden können, und es bräuchte natürlich einige medienwirksame Exits und Erfolgsgeschichten, die das subjektive Vertrauen ins lokale Ökosystem stärken. Nur durch gezielte Reformen, Investitionen ins Know-how und eine stärkere Vernetzung zwischen den einzelnen Stakeholdern können diese Herausforderungen gemeistert werden.
«Die Schweiz zeichnet sich durch ihre Innovationskraft und erstklassige Universitäten aus – echte Innovationszentren, die weltweit Massstäbe setzen», sagt Alain Beyeler, CEO der Finpact AG, eines Schweizer Vermögensverwalters, der sich auf Geldanlagen für die Generation 50+ spezialisiert hat. «Durch eine verstärkte Förderung von Venture-Capital-Investitionen im Inland sichern wir den Verbleib unseres Wissens und unserer Technologien, was den heimischen Markt nachhaltig stärkt.» Beyeler bringt es auf den Punkt: Erstklassige Ideen brauchen nicht nur kluge Köpfe – sondern auch Kapital, das bleibt, statt abzuwandern.