Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) rechnet für das Jahr 2025 mit 42'000 neuen Wohnungen. Damit wird zwar leicht mehr gebaut als im Vorjahr. Doch das zunehmende Wohnungsangebot wird nicht reichen, um die steigende Nachfrage abzufedern. Gemäss dem Bundesamt für Wohnungswesen BWO braucht die Schweiz mindestens 50'000 neue Wohnungen pro Jahr.
Allein seit 2020 wurden laut dem SBV 36'000 Wohnungen zu wenig gebaut. Die Folge: Der Leerstand dürfte unter 1,0 Prozent fallen. «Das ist ein Alarmzeichen», sagt Gian-Luca Lardi (55), Zentralpräsident des SBV. Es brauche dringend mehr Wohnraum. «Sonst steuert die Schweiz mit Vollgas von einem Wohnungsmangel in eine regelrechte Wohnungsnot», so der Zentralpräsident.
Einsprachen einschränken
Der Baumeisterverband plädiert deshalb für drei gezielte Massnahmen zur Beschleunigung der Bautätigkeit. Es brauche Reformen, welche dem Bau- und Immobilienmarkt mehr Freiheiten gewähren. Nicht Überregulierung.
Laut dem Baumeisterverband braucht es dringend Massnahmen.
Beispielsweise schnellere Planungs- und Bewilligungsverfahren durch Digitalisierung. Einsprachen sollten zudem künftig wieder auf schützenswerte eigene Interessen beschränkt werden. «Heute erleben wir zu oft, dass Einsprachen aus strategischen oder rein politischen Motiven erfolgen und damit den Bau von dringlich benötigtem Wohnraum massiv verzögern oder verhindern», sagt Lardi.
Es gibt bereits diverse Vorstösse dazu auf nationaler und kantonaler Ebene. Im Kanton Zürich fordert ein Vorstoss eine automatische Bewilligung nach Ablauf einer bestimmten Frist. Im Kanton Freiburg wurde eine Motion unterstützt, welche vom Staatsrat fordert, Massnahmen zur Verbesserung des Baubewilligungsverfahrens zu ergreifen. Vorentscheide eines Amts sollen demnach automatisch als positiv gelten, wenn sie nicht innerhalb der 30-tägigen Frist abgegeben wurden.
Raumplanung anpassen
Ein weiterer zentraler Punkt seien die raumplanerischen Grundlagen. Wenn in bereits bebauten Gebieten mehr Wohnraum geschaffen werden solle, müsse mehr in die Höhe gebaut werden können. «Mit höheren Ausnützungsziffern und reduzierten Grenzabständen schaffen wir mehr Wohnraum», sagt Lardi.
Als Beispiel nenne Lardi Städte wie Winterthur, welche sogenannte Höhenkonzept erstellt und damit festgelegt haben, wo Hochhäuser entstehen sollen. «Es muss geklärt werden, in welchen weiteren Gebieten künftig ein bis zwei Stockwerke höher gebaut werden darf», sagt der Zentralpräsident.
Damit sich die Lage nicht weiter zuspitzt, muss dringend mehr gebaut werden.
Wohnungsbau vs. Denkmalschutz
Die dritte Massnahme: Die Interessenabwägung zwischen dem Bundesinventar der unter Schutz gestellten Ortsbilder Isos, Denkmalpflege und Wohnungsbau muss vermehrt auf Stufe Richtplan statt am einzelnen Bauprojekt stattfinden. Das Isos-Bundesinventar verhindert in der Stadt Zürich immer öfter wichtige Bauprojekte. Selbst dann, wenn die Bundesaufgaben das Ortsbild gar nicht tangieren.
«Leider wird dieser Umstand auch immer öfter zum Einfallstor gewiefter Juristen für Einsprachen genutzt», so Lardi. Gleichzeitig hat die Anzahl der geschützten Baudenkmäler seit 2016 um 21 Prozent zugenommen. Der Anstieg der Anzahl geschützter Objekte betrifft in erster Linie Baudenkmäler von lokaler Bedeutung.
Richtige Anreize schaffen
Die aktuellen Zahlen zeigen: Durch Ersatzneubau entsteht 60 Prozent mehr Wohnraum. Gemäss Statistik der Stadt Zürich über das Baujahr 2024 wurden 100 abgerissene Wohnungen durchschnittlich mit 161 neuen Wohnungen ersetzt. «Da auch grössere Wohnungen entstehen, leben danach auf dem gleichen Grundstück 87 Prozent mehr Menschen», sagt Lardi.
Die gezielten Massnahmen sollen die Bautätigkeit beschleunigen. Ein zentraler Faktor für mehr Wohnungsbau sei aber auch, dass ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Das will der SBV mit guter Entlöhnung sicherstellen. Das Schweizer Bauhauptgewerbe zahle mit Abstand die höchsten Mindestlöhne für Handwerker. Sie halten mit dem Lohnniveau akademischer Absolventen mit. Der Abstand zu ähnlichen Berufen sei mit bis zu 2000 Franken im Monat sehr gross. Das solle auch künftig so bleiben.
Dieser Artikel erschien zuerst beim Blick unter dem Titel «‹Schweiz steuert mit Vollgas auf Wohnungsnot zu›».