Parametrische oder indexbasierte Versicherungen, die in der Regel auf physikalischen Parametern eines Ereignisses wie Windgeschwindigkeit, Temperatur oder Niederschlagsmenge basieren, sind derzeit in aller Munde und gelten als Versicherung für das Nicht-Versicherbare. Als Leiter der Produkteentwicklung bei Swiss Re Public Sector Solutions hat Dr. Gerry Lemcke dazu beigetragen, seit 2011 in zahlreichen Ländern rund um den Globus rund 1'400 Transaktionen für den öffentlichen Sektor zu realisieren.

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Herr Lemcke, wie haben sich parametrische Versicherungen in den letzten Jahren entwickelt? 

Parametrische oder indexbasierte Versicherungen wurden in den letzten Jahren stark gehyped - dabei gibt es diese Versicherungslösungen bereits seit Anfang der neunziger Jahre. Mittlerweile sind aber auch viele Brokerunternehmen auf diesen Zug aufgesprungen und haben parametrische Versicherungen in ihr Repertoire aufgenommen, daher haben diese Lösungen in der jüngsten Vergangenheit viel Aufmerksamkeit erfahren. 

Hinzu kommt, dass viele Tech-Firmen, die im Bereich von Datenakquisition und Datenbereitstellung aktiv sind - seien es Satellitendaten, Wetterdaten oder Klimadaten - nicht mehr nur Datenprovider sein wollen, sondern sich auch in diesem Bereich diversifizieren. Deshalb entwickelt sich der parametrische Markt derzeit ein bisschen schneller als der traditionelle Markt. 

Über die Person

Dr. Gerry Lemcke ist bereits seit über 20 Jahren in verschiedenen Funktionen für Swiss Re tätig. Seit 2016 ist er Head Product Management und Director Public Sector Solutions beim Rückversicherer. 

Haben Sie Zahlen dazu? 

Während der traditionelle Rückversicherungsmarkt mit rund 5 Prozent pro Jahr wächst, legt der parametrische Markt derzeit zwischen 8 bis 11 Prozent jährlich zu. Er wächst also etwas schneller, allerdings von einem viel niedrigeren Niveau kommend. Global gesehen beträgt der Marktanteil der parametrischen Versicherungen etwa drei bis fünf Prozent. Die Versicherungslösung hat sich also etabliert, ist und bleibt aber vorerst immer noch eine Nische. 

Woher rührt die gestiegene Aufmerksamkeit um diese Art der Versicherungslösung?

Da würde ich vor allem zwei Gründe ins Feld führen: Einerseits sind es die «Protection Gaps» vor allem bei Grossrisiken wie Überschwemmungen oder Erdbeben, die je länger je grösser werden. Häufig können Aspekte dieser Versicherungslücken mit parametrischen Versicherungslösungen geschlossen werden. Und dann bieten sich diese Lösungen vor allem für den Versicherungsbedarf der öffentlichen Hand an, die beispielsweise Denkmäler oder anderweitig schlecht in ihrem Wert bezifferbare Risiken versichern wollen, für die es sonst kaum traditionelle Lösungen gibt. Mit parametrischen Produkten können die Grenzen der Versicherbarkeit ganz klar erweitert werden.

Hätten Sie da ein konkretes Beispiel? 

Nun, der landwirtschaftliche Sektor bietet sich zum Beispiel für parametrische Produkte an. Denn dort lässt sich aufgrund von Satellitendaten sehr gut die Bodenfeuchte bestimmen - und damit die Wahrscheinlichkeit eines Ernteausfalls. Ich weiss schon in den ersten drei, vier Wochen nach meiner Anpflanzung, dass die Bodenfeuchte nicht den vorher vereinbarten Kriterien entspricht. In dem Moment kann ich eigentlich bereits eine Auszahlung veranlassen, die den Landwirten erlaubt, zum Beispiel nochmals nachzupflanzen. Bei einer traditionellen Versicherung müsste der Schaden erst eingetreten sein, bevor eine Schadenzahlung erfolgt.  

Aber es gibt noch viele andere Beispiele, gerade auch im Bereich des Betriebsunterbruchs. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Hotel auf einem kleinen Hügel, aber die Zufahrtswege sind aufgrund einer Überschwemmung allesamt überflutet, so dass Sie keine Gäste empfangen können. Ansonsten ist das Hotel unversehrt. Ein solcher Schaden lässt sich traditionell nicht abdecken, mit einer parametrischen Versicherung schon.

Parametrische Produkte können hervorragend in digitale Prozesse eingebunden werden.

Dr. Gerry Lemcke

Welche sind die besonderen Vorteile gegenüber traditionellen Versicherungsprodukten?

Zunächst einmal die schnelle Schadenauszahlung, die in der Regel nach wenigen Tagen erfolgt. Dann sind diese Schadenzahlungen nicht zweckgebunden, das heisst, ich bin frei in der Nutzung dieser Gelder und kann als Stadt oder Gemeinde diese beispielsweise auch dafür verwenden, im Katastrophenfall Nahrungsmittel oder Zelte anzuschaffen. Ein weiterer Vorteil: Parametrische Produkte können hervorragend in digitale Prozesse eingebunden werden, wie das Agrarbeispiel zeigt. 

Zudem sind parametrische Produkte sehr gut geeignet, Versicherungslösungen anzubieten, auch wenn die Datenlage eigentlich relativ bescheiden ist. Das ist im öffentlichen Sektor häufig der Fall. Denken Sie dabei nur an öffentliche Gebäude oder Denkmäler, wie einen Maya-Tempel in Mexiko oder Kirchen in Europa. Was ist das wert? Der absolute Wert ist schwierig zu beurteilen, die Kosten von Instandsetzungsmassnahmen lassen sich hingegen beziffern – und für diese können wir dann individuell ein Produkt strukturieren. Und nicht zuletzt sind Betriebsunterbruchsversicherungen oftmals deutlich einfacher möglich mit parametrischen Lösungen, gerade im Zusammenhang mit Naturgefahren.

Die Klassifizierung als Finanzprodukt könnte das Wachstum des Marktes für parametrische Produkte erheblich einschränken.

Dr. Gerry Lemcke

Und wo liegen die Herausforderungen? 

Was sehr wichtig ist zu verstehen: Ein parametrisches Produkt kann eine traditionelle Versicherung nicht ersetzen, es ist weder besser noch schlechter. Es ist im Prinzip ein Spezialwerkzeug, das es erlaubt, bestimmte Risiken quasi herauszutrennen und anders zu versichern.   

In manchen Ländern wird ein parametrisches, indexbasiertes Produkt regulatorisch nicht unbedingt automatisch als Versicherung akzeptiert, sondern häufig als Finanzprodukt klassifiziert, was ein komplett anderes Accounting erforderlich macht. Ich muss bei der Gestaltung eines parametrischen Produkts also sicherstellen, dass es ein versicherbares Interesse gibt und eine Auszahlung, die dem effektiv eingetretenen Schaden entspricht. 

Dieses regulatorische Umfeld ist etwas, wo wir sehr genau beobachten, wie sich der Markt und die Marktpraxis entwickeln. Die Klassifizierung als Finanzprodukt könnte das Wachstum des Marktes für parametrische Produkte erheblich einschränken.

Und es gibt sicherlich auch mehr Diskussionen mit den Kunden, ob oder in welcher Höhe ein Schaden tatsächlich eingetreten ist oder nicht…

Parametrische Versicherungen werden häufig verkauft als sehr einfach und sehr transparent. Tatsache aber ist, dass die Komplexität von parametrischen Risiken unterschätzt wird. Das kann zu vielen Diskussionen führen. 

Das hat in erster Linie mit der Basisrisiko-Betrachtung zu tun: Ich muss den Index, der zu einer Auszahlung führt, so setzen, dass er in einer möglichst guten Weise dem zu erwartenden effektiven monetären Schaden entspricht. Die Befähigung des Strukturierers besteht darin, im Dialog mit dem Kunden und aufgrund der historischen Erfahrungswerte diese Indizes so zu setzen, dass dieses Basisrisiko möglichst minimiert wird - eliminiert werden kann es nicht. Die Diskussion um das Basisrisiko ist also die zentrale Diskussion, die geführt werden muss. 

Insofern braucht es einen viel intensiveren Dialog mit dem Kunden, als es bei einer klassischen Versicherung der Fall ist.

Parametrische Versicherungen sind nicht dazu gedacht, traditionelle Produkte irgendwann zu ersetzen.

Dr. Gerry Lemcke

Wie wird sich der Markt in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Ich denke, er wird weiterhin etwas stärker wachsen als der traditionelle Markt. Zudem wird sich künftig die Spreu etwas vom Weizen trennen und weitere spezialisierte Anbieter werden auf den Markt kommen. Da sich parametrische Versicherungen besonders gut in digitale Prozesse einbinden lassen, wird die fortschreitende Digitalisierung dem Bereich sicherlich noch weiteren Schub verleihen. Denn es ist eigentlich das einzige Produkt, das aufgrund der genutzten Daten keinen «Human Touch» benötigt. Im B2C-Bereich - zum Beispiel bei Flugausfällen oder Schlechtwetter-Deckungen - werden parametrische Versicherungen meiner Einschätzung nach eine extreme Nische bleiben. 

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Welche Rolle spielt Swiss Re im Bereich der parametrischen Versicherungen?

Swiss Re spielt in diesem Bereich eine recht prominente Rolle. Zudem ist es ein Feld, in dem wir unsere Innovationskraft durch individuelle Lösungen unter Beweis stellen können, so auch im letzten Jahr mit einer innovativen parametrischen Taggeldversicherung gegen extreme Hitze für selbstständig erwerbende Frauen in Indien. Auszeichnungen wie die unserer Kollegen bei Swiss Re Corporate Solutions für die Underwriting-Initiative des Jahres – für ein innovatives parametrisches Hagelprodukt – zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind.

Aber auch für uns gilt: Parametrische Versicherungen sind ein weiteres Werkzeug in unserer Werkzeugkiste von Versicherungsprodukten. Sie sind nicht dazu gedacht, traditionelle Produkte irgendwann zu ersetzen.