Ein Erdbeben hat Wohngebäude in der Schweiz zerstört. Stellen Sie sich nun vor, Sie öffnen den Briefkasten und finden darin statt eines freiwilligen Spendenaufrufs der Glückskette eine Rechnung über 5'600 Schweizer Franken, zahlbar in 10 Tagen. Ich bin mir sicher, auch Sie müssten da erstmal leer schlucken. Solidarität ist wichtig, keine Frage. Aber könnten Sie jetzt spontan eine solche Summe aus dem Budget nehmen?
Das ist das Prinzip der Erdbeben-Eventualverpflichtung, die der Bundesrat kürzlich dem Parlament vorgelegt hat: Im Katastrophenfall müssten alle Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer eine einmalige Abgabe zahlen – unabhängig davon, ob ihr Gebäude betroffen ist oder ob sie in einer erdbebengefährdeten Region leben.
Je nach Schadenhöhe und Gebäudewert würde diese Zahlung bis zu 0,7 Prozent des Gebäudeversicherungswerts betragen. Bei einer Versicherungssumme von CHF 800’000 wären dies zum Beispiel die genannten 5'600 Franken. So sollen im Ernstfall die finanziellen Mittel aufgebracht werden, um den Wiederaufbau in den betroffenen Gebieten zu finanzieren.
Jan Schüpbach ist seit Mai 2024 Chefökonom des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV), der die Interessen von rund 70 kleinen und grossen, national und international tätige Erst- und Rückversicherern vertritt.
Diese doch beträchtliche Summe deckt dann aber nicht einmal alle Schäden ab, sondern ist auf jene an Gebäuden beschränkt. Beschädigter Hausrat oder Produktionsmaschinen von Betrieben sowie Ausgaben für temporäre Unterkünfte müssten durch die Betroffenen selbst getragen werden.
Eine volkswirtschaftlich riskante Strategie
Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist diese Strategie problematisch. Wenn Haushalte und Unternehmen unerwartet hohe Summen aufbringen müssen, reduzieren sie ihre Konsumausgaben und verschieben Investitionen. Gerade für verschuldete Haushalte oder KMU, die auf finanzielle Planungssicherheit angewiesen sind, kann eine solche Verpflichtung existenzgefährdend sein.
Hinzu kommt, dass die Schweiz freiwillig darauf verzichtet, das Risiko auf internationale Rückversicherungsmärkte zu verteilen. Schweizerinnen und Schweizer müssten die Erdbebenschäden gänzlich aus eigener Tasche finanzieren. Das potenziert das finanzielle Risiko und kann in ohnehin schwierigen Zeiten die Wirtschaft durchschütteln und eine konjunkturelle Abschwächung verstärken.
Ein Wetten auf die Solidarität
Ob die beschworene Solidarität unter diesen Voraussetzungen tatsächlich hält, ist fraglich. Nicht unwahrscheinlich ist es, dass es zu Zahlungsverweigerungen kommt – sei es aus finanziellen Gründen oder einfach aus mangelndem Willen. Klar ist bereits jetzt, dass die sogenannte intertemporale Solidarität nicht gegeben ist – also die Solidarität zwischen der Schweiz von heute, morgen und übermorgen.
Ein Beispiel: Wer jahrzehntelang Wohneigentum besessen hat und kurz vor dem Erdbeben verkauft hat, zahlt nichts. Wer kurz danach ein Haus erwirbt, ebenfalls nicht. Die Hauptlast trifft also diejenigen, die zufällig zum Zeitpunkt des Erdbebens Eigentümerinnen oder Eigentümer sind – eine finanzielle Lotterie, die Unsicherheit schafft und die Eigentumsbildung verzerren kann.
Warum setzen wir nicht auf Altbewährtes?
Dabei kennen wir bereits einen erprobten und fairen Mechanismus zur Risikoverteilung: die Versicherung. Kleine, regelmässige Prämien verhindern Zahlungsschocks. Zudem sichern Versicherungen die Kaufkraft, indem der Schaden auf internationale Finanzmärkte verteilt wird. Eine Versicherung sorgt auch für eine faire Lastenverteilung, indem alle Generationen ihren Beitrag zur Risikovorsorge leisten – nicht nur jene, die zufällig im Moment eines Erdbebens Eigentümerinnen und Eigentümer sind. Schliesslich verfügen Versicherungen bereits über bewährte Prozesse zur schnellen Schadensregulierung. Warum also sollte der Staat eine Aufgabe übernehmen, welche die Privatwirtschaft effizienter lösen kann?
Erdbeben sind ein unterschätztes Risiko.
Ein trügerisches Sicherheitsgefühl
«Naja – passiert hier ja eh nicht. Warum also das Ganze?» Falls Ihnen dieser Gedanke gerade durch den Kopf gegangen ist, sind Sie nicht allein: Gemäss einer neuen Sotomo-Studie im Auftrag des SVV unterschätzen 90 Prozent der Bevölkerung die Erdbebengefahr in der Schweiz. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten 50 Jahren ein mittelstarkes Erdbeben mit ernsthaften Gebäudeschäden die Schweiz trifft, bei 80 Prozent. Trotzdem haben sich nur wenige abgesichert: Selbst unter Wohneigentümerinnen und -eigentümern geben nur 32 Prozent an, eine Erdbebenversicherung zu besitzen – viele davon zudem wohl in der falschen Annahme, ihre Gebäudeversicherung decke dieses Risiko bereits ab.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die finanzielle Absicherung gegen Erdbeben als unwichtig erachtet wird. Immerhin 75 Prozent der Befragten halten sie für eher oder sehr wichtig. Und vor die Wahl gestellt, bevorzugt die Mehrheit eine klassische Versicherung gegenüber einer nachträglichen, steuerähnlichen Zwangsabgabe. Woran scheitert es also?
Was du heute kannst besorgen ...
Die Antwort kennen wir alle: Unbequeme Themen vertagt man gerne auf morgen – und das oft wider besseres Wissen. Wer schiebt nicht auch gerne den Termin bei der Dentalhygiene vor sich her, bis Zahnschmerzen einen zum Handeln zwingen? Dafür habe ich Verständnis. Kein Verständnis habe ich aber dafür, wenn die Politik mit der Eventualverpflichtung eine bequeme Ausrede schafft, warum wir sorgenfrei auf das grosse «Zahnweh» warten können, statt heute vorzusorgen.
Gefragt sind Lösungen, die das grosse Ganze im Blick behalten. Die Versicherungswirtschaft hat dafür schon heute bewährte Angebote, die langfristige Stabilität, Planbarkeit und echte Solidarität über die Zeit hinweg ermöglichen. Denn eines ist sicher: Wenn der Briefträger nur ein Mal klingelt, wird es wirklich unangenehm – eine regelmässige Prämie wäre die nachhaltigere Lösung.