Seit Mittwochnacht wissen wir, was Donald Trump mit dem Liberation Day gemeint hat. Wir haben Schlimmes erwartet und er hat noch sehr viel Schlimmeres geliefert. Dazu gehört nicht nur, dass die Zölle jetzt auf einem höheren Niveau sind als diejenigen, welche die USA 1930 mit dem Smoot Hawley Tariff Act einführten. Das Vorgehen damals trug zur Weltwirtschaftskrise bei und verschlechterte weiter das geopolitische Klima, das 1939 in den Zweiten Weltkrieg mündete.
In die Geschichte eingehen dürfte auch die Art, wie die sogenannten reziproken Zölle für sechzig Handelspartner der USA berechnet wurden, darunter die Schweiz: Sie sind ein seltenes Beispiel für ökonomische Dummheit von höchster Stelle mit grösster Wirkung. Reziprok hätte bedeuten sollen, dass die Amerikaner die Zölle gegenüber jedem Land auf das Niveau anheben, wie US-Produkte dort belastet werden. Doch die nun verkündeten Trump’schen Zölle gehen weit über die Belastungen hinaus, die diese Länder den Amerikanern belasten.
Ein böses Erwachen für die Schweiz
Das gilt ganz besonders für die Schweiz. Im Schnitt belastet sie den Amerikanern Zölle von weniger als 2 Prozent – und 99 Prozent aller US-Produkte, die in der Schweiz verkauft werden, enthalten überhaupt keinen Importzoll. Deshalb ging man hierzulande im Vorfeld von Trumps Ankündigung zu Recht davon aus, wenig befürchten zu müssen.
Nun hat Trump aber einen Zollaufschlag von 31 Prozent auf Schweizer Produkten angekündigt. Das sind sogar mehr als die 20 Prozent, die Trump der Europäischen Union auferlegt, die er bisher vor allem im Fokus hatte. Die Art, wie die Zölle berechnet wurden, löst nicht nur unter Ökonominnen und Ökonomen Kopfschütteln aus.
Eine absurde Formel als Berechnungsgrundlage
Im Kern wurden sie mit einer einfachen Formel bestimmt, die sich an den Aussenhandelsdefiziten der USA gegenüber jedem Land orientiert, und zwar mit dem Ziel, dieses Defizit auf null zu bringen. Irrigerweise hält Trump jedes bilaterale Defizit der USA für einen Verlust für die USA, unabhängig davon, wie es zustande kommt.
Dazu kommen als Minimum Zollaufschläge von 10 Prozent für jedes Land der Welt, auch wenn die USA mit diesem einen Handelsüberschuss erzielt. Überhaupt nicht in die Betrachtung miteinbezogen wurde der Handel mit Dienstleistungen, mit denen die USA nicht nur mit der Schweiz einen Überschuss erzielen – obwohl sie gegenüber Gütern eine immer grössere Bedeutung einnehmen.
Viele Länder und auch die EU haben bereits angekündigt, dass sie auf die US-Zölle mit Gegenzöllen reagieren werden. Für die Schweiz wäre eine solche Strategie allerdings ausgesprochen kontraproduktiv. Dass der Bundesrat Gegenzölle in seiner Pressekonferenz am Donnerstag ausgeschlossen hat, ist daher richtig. Höhere Schweizer Zölle auf US-Produkten hätten sowieso geringe Folgen für die US-Wirtschaft und würden uns deshalb keine Verhandlungsmacht verschaffen. Anders mag es für die EU insgesamt aussehen, sofern sie Gegenzölle klug und gezielt einsetzt: etwa mit Wirkung auf Branchen, die für Trump politisch von Bedeutung sind.
Ein massiver Schuss ins eigene Knie
Die USA insgesamt für Trumps Zölle zu bestrafen, ist auch deshalb widersinnig, weil Trump der US-Wirtschaft mit seinen Zöllen allein schon massiven Schaden zufügt: Es drohen auch dort höhere Preise, eine einbrechende Wirtschaft und massive Probleme für internationale Unternehmen angesichts weltweiter Lieferketten, verteuerter Vorprodukte, geringerer Absatzchancen und einer lähmenden Unsicherheit zur weiteren Entwicklung. Das alles spiegelt sich bereits am brutal einbrechenden US-Aktienmarkt. Gegenzölle von anderen Ländern bedeuten umgekehrt genauso, der eigenen Wirtschaft – und vor allem den eigenen Konsumenten – noch grösseren Schaden zuzufügen.
Gut möglich, dass der verkündete Zollhammer am Ende ein weiteres Mal vor allem zum Zweck hat, Handelspartner zu Konzessionen gegenüber den USA zu zwingen. Das mag kurzfristig sogar aufgehen, und die Zölle könnten dann auch geringer ansteigen als angekündigt. Doch der Schaden ist angerichtet. Kein Land und kein Unternehmen will je wieder in eine solche Situation gelangen. Die Botschaft vom Mittwoch lautet vor allem: Den Amerikanern ist nicht mehr zu trauen. Alle werden sich entsprechend anpassen. Angesichts der Rolle, welche die USA bisher als Führungs- und Schutzmacht demokratischer Staaten hatten, sind Trumps Massnahmen deshalb nicht nur wirtschaftlich eine Katastrophe, sondern auch geopolitisch.