In Ponte Brolla, am Eingang des Maggiatals, ist uns das Tessin ganz nahe. Nicht das sanft in die Lombardei mündende Tessin des Mendrisiotto, sondern das archaische Tessin des Sopraceneri mit seinen talwärts stürzenden Bächen und der faszinierenden Nähe von Gebirge und Palmen, von alpiner Härte und südlicher Milde. Zur spektakulären Landschaft gehörten einst auch die familiären Grotti mit ihrer Cucina nostrana. Heute sind sie leider ein Auslaufmodell.

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Ab und zu mutierte ein Lokal zu einem Edelgrotto. Das «Da Enzo» in Ponte Brolla verkörpert den Archetypus einer solchen Verwandlung. An warmen Tagen lässt es sich da draussen in einem Naturparadies tafeln. Der hängende Garten mit seiner üppigen Pflanzenwelt ist wie in die steil aufragende Felswand geschnitten. Die Granittische mit ihren eleganten Stoffsets werden von mächtigen Lindenbäumen beschattet. Lässt die Witterung kein Gartenerlebnis zu, zügelt man ins sorgfältig restaurierte Innere, in den lichten Wintergarten oder in die rustikalere Tessiner Saletta.

Seit 15 Jahren wirten in diesem Garten Eden der gebürtige Südtiroler Enzo Andreatta und seine aus dem Kanton Obwalden stammende Frau Josi. Die beiden auftrittsgewohnten, souveränen Gastgeber haben die heruntergekommene Lokalität geschmackssicher umgebaut und erneuert. Vorher führten sie mit grossem Erfolg «Enzos Hitta» in Zermatt. Viele Stammgäste folgten ihnen an den Lago Maggiore. Ascona und Locarno liegen nah. Die Abende im kunstvoll erleuchteten «Da Enzo» sind von festlichem Glanz.

Zum Fest gehört natürlich das passende Essen von Küchenchef Johan Breedijk. Der 34-jährige Niederländer arbeitet schon seit 13 Jahren im Tessin, zuletzt an der Seite von Martin Dalsass im fulminanten «Santabbondio» in Sorengo bei Lugano. Breedijk hat sich hervorragend akklimatisiert im Süden. Mit der frischen, spontanen, neugierigen Art des Holländers widmet er sich der mediterran geprägten Südalpenküche und schafft es bravourös, so genussreiche wie überraschende Gerichte zu kreieren. Er wechselt die Karte viermal im Jahr; ein aktuelles, marktfrisches Menü wird jeweils im Bistro-Stil auf der Schiefertafel präsentiert. Besonders gut aufgehoben bei ihm sind vegetarische Gäste. Mit einer italienisch inspirierten Küche verfüge er da über eine breitere Partitur, versichert er.

Überzeugend die Antipasti: Die grünen Spargeln serviert Breedijk auf Kopfsalatherzen mit schwarzen Trüffeln und einem pochierten Ei. Das Tunfischcarpaccio mariniert er mit rosa Pfeffer, richtet es auf Avocadomousse an und krönt es mit einer knackig grillierten Jakobsmuschel. Und ein Clubsandwich ist ein geschichtetes Kunstwerk von Rindsfiletstreifen, einem knusprigen Kräuterteig, Olivencrème und Peperonikompott.

Die Primi spielen den typischen Dreiklang von Pasta, Gnocchi und Risotto: mit Spinat und Ricotta gefüllte Agnolotti auf Spargeln mit Morcheln; ein harmonisches Ducheinander von Parmesangnocchi, Spinat, marinierten Tomaten und Fetakäse; ein Bärlauchrisotto mit Pinienkernen, Oliven und einer perfekt zubereiteten Coquille Saint-Jacques.

Das Wolfsbarschfilet, im Kartoffelmantel gebraten, mit schwarzen Oliven, Kapern und Tomätchen ist ein delikater und leichter Secondo. Das Kalbsrückenfilet mit Kohlrabencannelloni und frischen Gartenerbsen an einer Rotweinsauce passt ideal zum stoffigen Tessiner Merlot. Und wer Geflügel liebt, hält sich ans gebratene Mistkratzerli von den Terreni alla Maggia. Auch Othmar Schlegel im benachbarten «Castello del Sole» bringt es nicht knuspriger auf den Tisch.

Zum süssen Abschluss werden ein Mandelkuchen mit einem Sorbet aus Americana-Trauben und Orangen und eine Mokka-Cassata mit frischen Erdbeeren und Erdbeersorbet gereicht. Die Dolci sind bekömmlich. Johan Breedijk kocht leicht, delikat und schmackhaft. Die lampenbewehrten Treppenstufen zum Parkplatz hinunter nimmt man im Fluge und freut sich schon, sie im Sommer wieder hinaufzueilen.

Martin Kilchmann ist Weinspezialist und testet für BILANZ regelmässig die guten Restaurants des Landes.

Ristorante Da Enzo, Josi und Enzo Andreatta, Johan Breedijk, 6652 Ponte Brolla, Tel. 091 796 14 75, Fax 091 796 13 92, 15 «Gault Millau»-Punkte, Viergangmenü 85 Franken, mittwochs und donnerstags bis 17 Uhr geschlossen.