Guido Schilling (66) schaut den 100 grössten Arbeitgebern in der Schweiz genau auf die Finger. Er durchleuchtet die Firmen-Teppichetagen nach dem Anteil der Frauen ganz oben an der Spitze.

Das Fazit: Es hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten einiges bewegt, doch es gibt durchaus Spielraum nach oben.

Die Durchschnittszahlen sind ganz in Ordnung: In diesem Zeitraum stieg der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen von 4 Prozent im Jahr 2006 auf aktuell 22 Prozent, in den Verwaltungsräten von 10 Prozent im Jahr 2010 auf aktuell 33 Prozent. Damit wären die aktienrechtlichen Geschlechterrichtwerte über alle Firmen betrachtet erfüllt.

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Schweiz hinkt hinterher

Als Schilling im Jahr 2010 seinen Report auch auf die Verwaltungsräte ausbaute, gab es gerade mal eine VR-Präsidentin: Das war Irene Kaufmann-Brändli (70), die von 2009 bis 2011 die Coop-Gruppe präsidierte. Heute sitzen immerhin sieben Frauen an der Spitze der Aufsichtsgremien, darunter Ursula Nold (55) als Präsidentin der Migros oder Nayla Hayek (74) bei der Swatch Group. Zudem rücken immer mehr Frauen als normale Verwaltungsrätinnen nach.

«Wir sind auf gutem Weg», zieht Schilling Bilanz. «Dennoch, im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, bei denen Frankreich bereits 48 Prozent, Italien 45 Prozent und Norwegen sowie Grossbritannien je 44 Prozent Frauen im Verwaltungsrat verzeichnen, gehören wir in der Schweiz leider nach wie vor zu den Schlusslichtern.»

Noch harziger läuft es in den Geschäftsleitungen, erst gut Fünftel der Topkader sind Frauen. Wobei der grösste Schub erst in den letzten fünf Jahren zu verzeichnen war, als sich Quote verdoppelt hat.

Und dabei zeigt sich, auch Frauen können ganz gut netzwerken, ziehe andere Frauen nach, wenn sie erst mal selbst ganz oben angekommen sind. «Für mich war von Anfang klar, dass die ausgewogene Geschlechterdurchmischung in der Geschäftsleitung ein Generationenprojekt ist», so Schilling.

Damit es genügend Frauen an Spitze hat, braucht es genügend weibliche Nachwuchskräfte unterhalb der Geschäftsleitungsebene. Die sogenannte Gender-Diversity-Pipeline muss also gut gefüllt sein. Hier hat sich in den letzten 10 Jahren einiges getan, so stieg der Anteil der Frauen auf der mittleren Führungsebene von 22 auf aktuell 28 Prozent.

Die Vorreiter

Zwei Arbeitgebergruppen schwingen bei der Frauenförderung obenaus: Die Verwaltung und die grossen Unternehmen, die im Leitindex SMI der Schweizer Börse vertreten sind. Im gesamten öffentlichen Sektor liegt der Frauenanteil im Topkader bei 26 Prozent, in der Bundesverwaltung sogar bei 42 Prozent. Bei den 20 SMI-Firmen beträgt der Frauenanteil in der Führungsetage 28 Prozent. Damit schneiden die Schweizer Grossunternehmen besser ab als die Spitze der deutschen Wirtschaft, der Frauenanteil im deutschen Leitindex DAX liegt bei 26 Prozent.

Und noch etwas fällt auf: Die Schweizer Teppichetagen sind nicht nur weiblicher, sondern auch internationaler geworden.

Knapp die Hälfte aller Geschäftsleitungsmitglieder bei den grössten Schweizer Firmen haben keinen Schweizer Pass: «Das umliegende Ausland, insbesondere Deutschland, kämpft seit Corona mit einer Rezession, was die Attraktivität der Schweiz und ihrer Arbeitgebenden erhöht», erklärt Schilling. Wie attraktiv die Schweiz schon seit langem ist, zeigt sich darin, dass diese Topkader nicht erst zum Karriereende in die Schweiz kommen, sondern die Karriereleiter oft schon bei Schweizer Firmen nach oben geklettert sind.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Blick unter dem Titel «Trotz Fortschritt zählt die Schweiz zu europäischen Schlusslichtern».