Sie hat als Frau in den männerdominierten Führungsetagen von Sport, Banken und Tourismus wichtige Weichen gestellt. Sie ist per Du mit vielen Prominenten dieser Welt, beiläufig erwähnt sie Erlebtes mit «Sepp» (Blatter), «Michel» (Platini) oder «Ernesto» (Bertarelli). Umso mehr erstaunt, dass Annemarie Meyer (60) kaum auf den Bühnen der Schweizer Öffentlichkeit zu sehen ist.

Die in eine grosse Bauernfamilie aus Kleindietwil BE geborene Meyer steht heute an der Spitze des wohl berühmtesten Panoramazugs der Welt. Die Chefin hat den schlingernden Glacier Express wieder auf Spur gebracht, durch die Corona-Krise gelenkt und letztes Jahr mit über 288'000 Gästen ein Rekordjahr erzielt. Ganz bescheiden weist sie diesen Erfolg nicht nur sich zu, sondern auch den Eigentümern und Mitarbeitern des Glacier Express, wie sie betont.

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Das kommt an: Während der Fahrt mit Blick im Glacier Express kommt das Bordpersonal immer wieder auf einen ungezwungenen Schwatz bei ihr vorbei. Viele bedanken sich, dass sie geholfen hat, den historischen Zug nach mehreren Krisen wieder zur Vorzeigebahn zu machen – mit Strahlkraft weit über die Landesgrenzen hinaus.

Herausforderung ist ihr wichtig

Aus den Gesprächen während der Zugfahrt geht hervor, dass Meyer es mit den Mächtigen genauso gut kann wie mit den Büezern im Gleisunterhalt. Sie hat sich ihr Netzwerk und ihr Know-how mit viel Neugier und Durchhaltevermögen erarbeitet. Ohne Hochschulabschluss machte sie Karriere, die alles andere als geradlinig oder geplant war. «Ich folge stets meinen Interessen, liebe die Herausforderung und habe den Mut, Sachen anders anzugehen», sagt Meyer über sich.

Die Bahnfahrt von St. Moritz GR bis Zermatt VS ist kurzweilig, reicht kaum aus, um ihr vielseitiges Berufsleben zu erörtern. Meyer macht ursprünglich eine Banklehre, bevor sie eher zufällig in den Tourismus wechselt. In Saas-Fee VS erhält die «Arbeitsbiene», wie sie sich selbst bezeichnet, früh viel Verantwortung übertragen, zeigt, dass sie sich nicht vor ungewohnten Aufgaben scheut und ihren Ideen Gehör verschaffen kann. Und vor allem: Dass Mut ihr wesentlicher Wesenszug ist.

Wegweisend wird eine Anstellung in der Tourismusorganisation von St. Moritz. Ihr Mentor, der berühmte Kurdirektor Hanspeter Danuser (77), erkennt ihre Talente und fördert sie. «Er hatte kein Problem mit starken Frauen, im Gegensatz zu späteren Chefs und Kollegen», bemerkt sie. Die das Landleben gewohnte Meyer fühlt sich in der Luxusdestination St. Moritz zwar oft fremd, macht ihren Job aber so gut, dass Danuser sie zur Vizedirektorin Marketing befördert – «zuerst ohne den Titel und das Salär», wie sie präzisiert.

In ihrer Karriere habe sie oft dafür gesorgt, «dass meine männlichen Vorgesetzten Erfolg hatten», führt sie später an. Sie gewinnt zwar stets Anerkennung. Aber auch die Erkenntnis: «Als Frau wird dir nichts geschenkt.»

Sepp Blatter vertraute ihr blind

Doch die Oberaargauerin beisst sich durch, landet nie auf dem Abstellgleis. Eine weitere Bündner Tourismuslegende bietet ihr bald einen Job an – Marco Hartmann (73), damals Chef von Schweiz Tourismus (ST), holt sie zu sich.

Eine Beförderung ins ST-Büro der Metropole Paris wird dann zur persönlichen Grenzerfahrung: «Ich hatte es als Frau und Deutschschweizerin nicht einfach und wurde dort rundweg abgelehnt». Sie zieht die Lehre daraus, künftig «besser auf das Bauchgefühl zu hören».

Dieses führt sie zum nächsten Job beim Sportvermarkter ISL in Luzern. Meyer gefällt das Kommerzielle am Fussball, «dank dreier Brüder hatte ich auch Ahnung von diesem Sport», scherzt sie. Es ist ein Stahlbad: Sie organisiert Anlässe in New York (USA), koordiniert Termine mit Weltfussballern und betreut Riesenfirmen wie Hyundai, Adidas oder EA.

Das kommt ihr zugute, als ISL in Konkurs geht und dadurch die Fifa-Fussball-WM 2002 in Japan und Südkorea in Gefahr ist. Auch dank Meyers Engagement kommt die Fifa Marketing AG zustande. Der damalige Schweizer Fifa-Boss Sepp Blatter (89) vertraut ihr anschliessend blind: «Jetzt bist du für die Umsetzung aller Sponsoringverträge in Korea verantwortlich.» Meyer nimmt die Herausforderung an. Sie navigiert im Minenfeld von Fifa-Verpflichtungen und asiatischen Geschäftsgepflogenheiten bravourös, wird ihr bescheinigt.

Bewegungsfreiheit als Berufsprinzip

Später ist sie als Co-Head Sportsponsoring bei der UBS tätig und gestaltet die Grosserfolge mit dem Alinghi-Segelteam mit. Die UBS-Krise 2008 kostet sie den Job. So wechselt sie zurück in den Tourismus, nach Davos-Klosters. «Warum nicht, für die nächsten paar Jahre? WEF, Spengler Cup, die Bergbahnen, da ging was», lacht sie. Im Jahr 2016 stieg sie dann beim Glacier Express ein. Und macht daraus eine Erfolgsgeschichte. Es wird ihre bisher längste Anstellung.

Ob sie beim 100-Jahr-Jubiläum 2030 noch dabei ist, lässt sie offen. «Mein Job muss eine Herausforderung bieten und auch meinen Ideen und Vorstellungen entsprechen», sagt sie selbstbewusst. Sie, die erstmals mit 17 ins Ausland reiste, ist längst eine Frau von Welt, hat ihr internationales Berufsleben mit langen, privaten Auslandsaufenthalten in Chester (Grossbritannien), Paris, Florenz (I), New York und Indien im Lot gehalten. Über ihr Privatleben gibt sie sonst wenig preis.

Vielleicht zieht es sie nochmals weiter. Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit hat sie sich immer bewahrt. Weil sie daraus stets ihre Stärke schöpfte.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Blick unter dem Titel «Sie ist die Chefin des berühmtesten Zuges der Welt».