Tiny Houses liegen im Trend. Man schreibt ihnen «smarten Minimalismus» zu. Was macht diese Kleinwohnformen interessant – abgesehen von der Grösse?

Ihr wahrer Impact liegt im Paradigmenwechsel: Sie beweisen, dass 35 Quadratmeter pro Person reichen – nicht 65. Der Besitz reduziert sich auf das Essenzielle.

Warum braucht es dafür spezielle Architektur?

Weil wir alle Messies sind (lacht). Auf Netflix sah ich eine Doku: Die meisten von uns nutzen nur 20 Prozent ihrer Wohnfläche – der Rest ist Stauraum für Dinge, die sie nicht brauchen. Dasselbe gilt für den Kleiderschrank: Man trägt immer dieselben 20 Prozent der Kleider, den Rest könnte man entsorgen. Ein Tiny House zwingt einen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es ist Feng-Shui in Reinform: Jeder Gegenstand muss einen Zweck haben. Das entlastet auch den Geist.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Was macht Ihre Tiny Houses so besonders im Vergleich zu klassischen Liegenschaften?

Unsere Häuser sind keine Notlösung, sondern Designstatements. Wir kombinieren modulare Bauweise mit hochwertigen Materialien. Ein Polyloft-Haus passt sich dem Leben an, nicht umgekehrt. Entscheidend ist aber der Kreislaufgedanke: Jedes Haus lässt sich komplett demontieren – es ist geschraubt, nicht geklebt oder betoniert. Wenn Sie umziehen, nehmen Sie es mit. Da gibt es keinen Bauschutt, keinen CO₂-Verlust.

Sie nennen herkömmliche Bauten «Cremeschnittenblöcke». Was stört Sie daran?

Diese Betonklötze sind zu 95 Prozent identisch – nur die Wohnungstüren haben andere Farben. Wir brauchen nutzerorientierte Systeme, die sich anpassen.

Sie nennen Ihre Lofts «Kreislaufhäuser». Was meinen Sie damit?

Aktuell kann man Häuser nur kaputtmachen, nicht recyceln. Unser System ist wie Lego: Module werden industriell vorgefertigt, vor Ort zusammengesteckt und später vielleicht anderswo wiederverwendet.

Sie kritisieren die aktuelle Kreislaufwirtschaft im Bau als «Tropfen auf den heissen Stein». Was läuft falsch?

Das ist doch absurd: Architekten schicken Leute los, um irgendwelche alten Doppelböden oder Stahlträger zu finden, nur um dann ein «Öko-Haus» zu bauen, das niemand zerlegen kann. Echte Kreislaufwirtschaft beginnt für mich beim Design. 

Ihre Kreislaufhäuser kommen ohne Betonfundament aus. Wie funktioniert das?

Wir nutzen geschraubte Stahlpunktfundamente, die im Boden verankert sind und die Last verteilen. Kein Graben, keine Versiegelung. Bei einem Umzug schrauben wir sie einfach wieder heraus – zurück bleibt ein unversehrtes Erdreich.

Die Gebäudehülle Ihrer Lofts ist wie Bienenwaben hexagonal. Warum diese Form?

Ich wollte ein Bausystem entwickeln, das einfach ist, nachhaltig, skalierbar, möglichst wenige Einzelteile hat, remontierbar und nutzerorientiert ist. So kam ich auf dieses Wabensystem. Klassische kubische Tiny Houses wirken oft beengend, aber durch die Wabenoptik entsteht Grösse: Die hochkant gestellte Sechseckform ergibt eine Raumbreite von über 4,40 Metern, eine Raumhöhe von circa 4,5 Metern und Bodenhohlraum für die Haustechnik – trotz kompakter Aussenmasse. Und praktisch: Die Wandelemente lassen sich für den Transport auf einer Breite von 2,5 Metern stapeln, weshalb keine Sondergenehmigung nötig ist.

Polyloft setzt vorwiegend auf Holz. Gibt es Alternativen, die Sie bereits testen oder für die Zukunft in Betracht ziehen?

Holz hat Vorteile, unter anderem, dass es bei einer fertigen Oberfläche nicht mehr verputzt werden muss, anders als beispielsweise Backstein. Aber es gibt auch Herausforderungen, etwa bei der Statik und dem Schall. Eine Alternative, die ich gerne weiterverfolgen würde, sind Betonscheiben. Wenn man diese wiederverwenden kann, würde das auch die CO2-Bilanz von Beton deutlich verbessern. Mein Hauptanliegen ist, Materialien und Bauteile zu verwenden, die man leicht demontieren und wiederverwenden kann. Entsprechend bin ich sehr offen für alternative Materialien.

Der Fokus liegt auf Wiederverwendung, nicht Recycling. Warum?

Weil Recycling oft Downcycling ist: Aus Beton wird Schotter, aus Holz Pellets. Unser Kreislaufhaus ist zu 100 Prozent demontierbar – jede Schraube, jede Leiste bleibt intakt. Letztes Jahr haben wir ein Modul in einer Halle auf dem Attisholz-Gelände abgebaut und auf dem Kreislauf-Immobilien-Campus (KLIC) in Riedholz als Pop-up-Haus wieder aufgestellt. Null Abfall, null Kompromisse.

Also haben Sie auch kein Interesse an recyceltem Holz?

Upcycling-Holz ist oft ein Feigenblatt. Alte Balken sind verzogen, voller Nägel – da verbauen Sie Probleme. Wir nutzen Fichtenholz aus dem DACH-Raum aus nachhaltiger Forstwirtschaft. 

Weshalb?

Weil es präzise berechenbar ist. Unser Ziel ist ja, Module zu schaffen, die in fünfzig Jahren noch eins zu eins demontierbar sind – da hilft Homogenität.

Aktuell kostet ein rund acht Meter langes Polyloft-Haus über 295’000 Franken. Wie wollen Sie das ändern?

Indem wir Skaleneffekte nutzen. Heute bauen wir fast jede Einheit individuell – aber wenn wir hundert gleiche Einheiten produzieren, sinken die Kosten um 30 Prozent. Unser Ziel: unter 200’000 Franken für die Basisversion. Dafür optimieren wir die Lieferkette, etwa durch Kooperationen mit Holzbauern.

Tiny Houses gelten oft als Spielzeug für Öko-Luxus. Wie würden Sie die typische Polyloft-Kundschaft beschreiben?

Familien, die Fläche verdichten wollen, ohne sich etwas zu verbauen. Oder Landbesitzer, die Module vermieten. Die meisten Käufer sind Investoren, aber es gibt auch ganz normale Leute, die einfach darin wohnen.

Mit Ihrem neusten Modul, dem Nano, wird der Wohnraum auf 20 Quadratmeter reduziert. Leidet darunter nicht die Lebensqualität?

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass eine Reduzierung des Wohnraums automatisch mit einer Verringerung der Lebensqualität einhergeht. Unser Tiny-Loft-Konzept beweist das Gegenteil, indem es den Fokus auf Effizienz, Funktionalität und ein durchdachtes Design legt. Die Häuschen sind so gestaltet, dass sie trotz ihrer kompakten Grösse ein grosszügiges Raumgefühl vermitteln. Durch eine flexible Raumgestaltung und die Auswahl hochwertiger Materialien entsteht ein Wohnraum, der nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend ist.

Wie sehen Sie die Zukunft von Kleinwohnformen? Werden sie bis 2030 oder 2040 zum Mainstream oder bleiben sie eine Nische?

Kleinwohnformen werden relevanter, aber nicht unbedingt in Form von Tiny Houses. Diese bleiben eher eine Nische für Individualisten – sie sind keine Lösung für die breite Masse. Der Bedarf an Wohnraum erfordert effizientere Lösungen. 

Die da wären?

Aufgrund des Bevölkerungswachstums, besonders in der Schweiz, wird das Bauen in die Höhe unvermeidlich sein. Daher werden kompakte Wohnformen in Hochhäusern die Zukunft prägen. Mikroapartments und gestapelte Einfamilienhäuser werden an Bedeutung gewinnen, um dem zunehmenden Siedlungsdruck entgegenzuwirken.

Ihr Traum ist ein Hochhaus in Crans Montana. Wie soll das aussehen?

Stellen Sie sich ein zwanzigstöckiges Jenga-Spiel vor: Jede Wabe ist ein Wohnmodul, dazwischen Lücken für Privatgärten. Im fünften Stock züchtet einer Bonsaibäume, im zwölften Stock hat jemand ein Yoga-Studio unter freiem Himmel. Weil die Waben versetzt stapelbar sind, entstehen Terrassen – ohne teure Statik. Das Chalet-Feeling im Hochhaus!

Sie wollen der «Tesla der Bauindustrie» sein. Wo ist die Parallele?

Mein Ziel ist, die Bauindustrie zu revolutionieren, ähnlich wie Tesla die Automobilindustrie verändert hat. Der aktuelle Bauprozess ist oft arbeitsaufwendig, CO2- und kostenintensiv und wenig nutzerorientiert. Ich möchte eine Alternative entwickeln, die diese Probleme löst.

Zur Person

Hugo Schumacher ist Geschäftsführer der Elmobau AG und geistiger Vater des Polyloft-Konzepts. Der gelernte Maurer und Bauführer ist ein erfahrener Unternehmer und Fachmann im Baugewerbe. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Schumacher auch stark im Ehrenamt. Er war Kantonsratspräsident und Präsident der Umwelt-, Bau- und Wirtschaftskommission des Kantons Solothurn. Zuvor war er Gemeindepräsident und Gemeinderat der Einwohnergemeinde Luterbach.

Hugo Schumacher_Polyloft
Quelle: ZVG