Wird eine lieb gewonnene Tradition über Jahrzehnte brav nachgebetet und nie hinterfragt, wird sie früher oder später zur Obsession. Zu einer Besessenheit, die jeden objektiven Blick auf die Realität verstellt. Wie es so weit kommt, macht die Linke in diesem Land eindrücklich vor. So gehört es zu ihrem ewigen Kanon, die Marktwirtschaft als Teufelszeug zu brandmarken und vor den Folgen derselben in alarmistischem Ton zu warnen.

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Die Schweizer Sozialdemokratie fordert in ihrem Parteiprogramm seit eh und je, dass der Kapitalismus zu überwinden sei. Und es gilt für SP-Genossinnen und -Genossen seit Kindsbeinen der Kampfspruch, dass das «Diktat der Aktionäre» zu brechen sei. Weil es die hiesigen Firmen angeblich auf Abwege führe und die Ausweitung der Rechte der Beschäftigten blockiere. Kurzum: Hier die Firmen unter der Knute der gierigen Aktionäre, dort das Fussvolk, dem jedwede Rechte verwehrt werden. Ebenso antiquiert bis krud ist die Denke bei der Partei der Grünen. Sie verdammt das «Gewinnstreben der Anteilseigener» und setzt der täglichen Ausbeutung in den Büros und in den Fabriken ihr Modell des bedingungslosen Grundeinkommens für alle entgegen. Es ist wie im Paradies: Manna vom Himmel, zugeteilt vom Staat.

55 Milliarden Franken für die Aktionäre

Nur, bei so viel abgestandenem Klassenkampf und unerschütterlichem Glauben an die Planwirtschaft wird übersehen, dass uns exakt das verdammungswürdige Gewinnstreben erst ermöglicht, dass wir uns allerlei Notwendiges und weniger Notwendiges leisten können und allenthalben einen ständig wachsenden Sozialstaat zu schultern vermögen.

Gerade in diesen Tagen, in denen die grösste Vermögensumverteilung aller Zeiten abgewickelt wird. So viel wie noch nie, nämlich insgesamt 55 Milliarden Franken, wechseln aktuell die Hand. Es ist die Dividende, die börsenkotierte Firmen vergangenes Jahr erwirtschafteten und die nun als Rendite der Risikobereitschaft den Aktionärinnen und Aktionären zufliesst. Vom angeblichen «Diktat der Aktionäre» profitieren alle, weil wir alle zum Aktionariat gehören.

Zuvorderst als Versicherte bei Pensionskassen, wo wir aus deren Kapitalanlagen profitieren. Oder als Bezügerinnen oder Bezüger von Altersrenten, indem wir am Erfolg der AHV-Ausgleichsfonds partizipieren. Oder nehmen wir den Fiskus von Bund, Kantonen und Gemeinden, der in der Regel einen Fünftel vom Dividendensegen abschöpft, was wiederum uns als Steuerzahlende entlastet. Oder es kassiert der Staat als stolzer Eigentümer: zum Beispiel der Bund von der Swisscom, die ihrem Mehrheitsaktionär 600 Millionen Franken als Dividenden ausschüttet. Oder es kassiert eine Handvoll Kantone vom Energiekonzern Axpo, der seinen Kapitalgebern 670 Millionen aus dem Vorjahresgewinn überweist. Es ist höchste Zeit, dass die Linke ihre Einstellung zu Aktien und Aktionariat aufdatiert.