Der Weinkenner glaubte wohl kurz, ich hätte meinen Verstand verloren: Er hatte mich aufgefordert, in seinem Weinkeller eine Flasche für das Abendessen auszusuchen. Auf dem Menüplan standen hausgemachte Burger mit frischen Rinds-Patties, karamellisierten Zwiebeln und Pommes frites. Für mich ein klarer Fall: Ich tauchte mit einer Flasche Amarone della Valpolicella aus dem Keller auf.

Ein Schock für den Gastgeber. Ein italienischer Klassiker zu Fast Food? Das grenze an Blasphemie! Für mich aber schien der Wein perfekt: Ein saftiger Burger mit fettigen Pommes schreit nach einem Wein mit Wucht. Einem, der dem Essen gegenhält. Und das tut ausnahmslos jeder Amarone: intensiv im Geschmack, samtige Textur, hoher Alkoholgehalt.

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Diese Attribute verdankt der Wein der Appassimento-Methode: Die Trauben – alles im Valpolicella heimische Sorten wie Corvina, Rondinella, Molinara – werden früh gelesen und trocknen dann für mindestens hundert Tage auf Gestellen. So verlieren sie Flüssigkeit, während sich die Aromen und die Süsse konzentrieren. «Halb rosiniert» heisst der Zustand im Fachjargon, «verschrumpelte Wiibeeri» illustriert es am besten. Dadurch verlieren sie rund 50 Prozent an Volumen. Diese halb rosinierten Beeren werden dann gepresst und vinifiziert. Der Aufwand und der geringere Ertrag erklären, warum die Amaroni mit einem stolzen Preisschild daherkommen.

Die kleinen Geschwister des Amarone

Eine günstigere Alternative stellt der als «kleiner Bruder» bekannte Ripasso dar. Die Winzer stellen hier einen normalen Rotwein aus den gleichen Traubensorten wie beim Amarone her. Es entfällt aber das aufwendige Antrocknen. Der Winzer vermischt den Wein jedoch mit den gepressten Schalen und Trester des Amarone und lässt ihn noch einmal vergären. Zu Italienisch: «ripassare» – erneutes Durchlaufen. So erhält der Ripasso zusätzliche Aromen und Struktur, aber noch nicht die Wucht des Amarone.

Ein dritter Wein komplettiert das Valpolicella-Trio neben Amarone und Ripasso: der einfache, aber trotzdem elegante Alltagswein «Valpolicella». Er heisst gleich wie die Region und besteht aus den gleichen Traubensorten, weist aber eine fruchtige Frische, nur leichte Tannine und einen tieferen Alkoholgehalt auf. Er kommt normalerweise bereits ein halbes Jahr nach der Lese auf den Markt. Etwas länger lagert die leicht schwerere Variante mit dem Attribut «Superiore».

Steht also eine einfache Pasta auf dem Menu, dann bietet sich der Valpolicella an. Steckt man aber viel Zeit und Aufwand in die Vorbereitung eines Burger-Essens inklusive hausgemachtem Brot, dann darf man ruhig auch einen Amarone dazu kredenzen. Was letztlich auch der Weinkenner einsah: Seit unserem Abend tischt er bei jedem Burger-Essen seinen Lieblings-Amarone auf.

Typisch: Costasera

<p>Costasera Amarone della Valpolicella classico DOCG 2020 </p>
Quelle: Website / PR

Dieser Amarone ist ein Klassiker des Traditionsguts Masi. Reife Pflaumen, Gewürze in der Nase, Tannin und Säure im Gaumen und dazu ein langer Abgang machen den Wein zum Genussgaranten. Im Moment empfehlen Weinexperten die Jahrgänge 2008 bis 2013. Der aktuelle 2020er darf noch etwas im Keller bleiben.

Costasera, Valpolicella, Veneto, Italien, 2020, 40 Franken, 15% vol. Alk.

In dieser Kolumne schreiben die Handelszeitung-Redaktoren Michael Heim und Tina Fischer alternierend einmal im Monat über Bier und Wein. Fischers Familie besitzt eine Weinhandlung.