Den berühmten Spruch Heraklits könnte man so umformulieren: «Alles fliesst, zumindest bis zum Anfang des Wasserfalls!» Das Leben besteht aus vielen scheinbaren Kontinuitäten, die keine sind. Nichts wiederholt sich exakt auf die gleiche Art, weil der Kontext des Geschehens niemals der gleiche ist – oder einfach, weil wir uns aufgrund jeder Erfahrung selbst verändern.

Während das in seiner Subtilität eine grosse Erkenntnis ist, ist die Beobachtung eines Bruchs in der normalen Entwicklung eigentlich banal. Und dennoch tun wir uns unheimlich schwer mit dem Erkennen der grossen Umbrüche. Vielleicht, weil wir uns in unserem Alltag zu sehr an die langsamen Übergänge gewöhnt haben. Der Mensch scheint nicht für epochale Veränderungen gebaut.

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Wahrscheinlich ist das der Grund, warum so viele Menschen mit Verstand so lange Donald Trump verharmlost haben und es teilweise immer noch tun. Aber nicht nur der Trumpismus verändert die Welt. Auch die neuesten Umbrüche in der Technologie wollen keinen Stein auf dem anderen lassen. Das ist keine Neuigkeit. So ist künstliche Intelligenz (KI) seit dem Marktauftritt von Chat GPT in aller Munde. Und doch können wir kaum begreifen, was hier passiert.

Das scheint besonders schwer zu sein für bildungsnahe Menschen. Menschen, die einem Bildungsideal nachstreben, haben Schwierigkeiten, zu erkennen, dass auch nicht optimale, manchmal sogar falsche Lösungen eine Verbesserung der Situation darstellen können. Dabei wird vergessen, dass in vielen Situationen des täglichen Lebens suboptimal gehandelt wird. Das Bessere ist eben der Feind des Guten. Nicht das Optimale.

Genau hierin besteht die Attraktivität von KI für Unternehmen und der Grund, warum die KI-Revolution an Fahrt gewinnt. Effizienz ist wichtiger als Perfektion. Wer sieben von acht Anfragen auf einer Website mit generativer KI zufriedenstellend beantwortet, ist vielleicht besser als das Callcenter, welches das bisher gemacht hat. Und acht von acht gibt es im realen Leben sowieso nicht.

Der Einsatz von KI zur Produktivitätsverbesserung ist daher für viele Firmen verlockend. Doch die Risiken dieser neuen Technologie für die Unternehmen sind sehr gross. Eine KI einzusetzen, die der Aufgabenstellung unangemessen ist, hat nicht nur das Potenzial, die Kunden unzufrieden zu machen. Unangemessene KI-Lösungen bedrohen ganz fundamental die Reputation und damit letztlich die Existenz von Unternehmungen.

Es kommt darauf an, zu wissen, wann und wie man KI einsetzt. KI funktioniert gut, wenn die zugrunde liegenden Zusammenhänge und die benutzten Algorithmen stabil sind. Dann lassen sich mithilfe von vielen Daten Muster und Zusammenhänge erkennen und neue Antworten oder Strukturen kreieren, die Sinn ergeben.

Noch wichtiger ist, zu wissen, wann KI nicht gut funktioniert. KI funktioniert nicht gut, wenn die Zusammenhänge, auf denen das Wissen basiert, unstabil sind oder wenn die KI anhand von unangemessenen Datensätzen falsch trainiert wird. Ist es zum Beispiel richtig, die quantitativen Methoden, die wir für die Erstellung von Anlagestrategien für institutionelle Vermögen nutzen, auch für Privatpersonen zu verwenden? Oder trainiert man seine KI mit dem Wissen der Finanzwirtschaft der letzten vierzig Jahre, obwohl grosse Teile dieses vermeintlichen Wissens keinem soliden empirischen Test mehr standhalten?

Unsere Firmen werden sich über den Einsatz von KI in wenigen Jahren komplett neu erfinden müssen. Aus dem trägen Strom der wirtschaftlichen Entwicklung wird ein Wasserfall, in dem viele bestehende Firmen verschwinden und neue entstehen werden. Wirtschaft ohne KI wird nicht mehr gehen. Zu wissen, wann und wie man KI einsetzt, wird zur Schlüsselfrage in jeder Firma.