Wenn es um Führungsqualitäten geht, wird oft von Durchsetzungsstärke und Entschlossenheit gesprochen. Gefragt sind Führungskräfte, die unerschütterlich wirken, vor keiner Herausforderung zurückschrecken und scheinbar alles wissen. Demut passt da nicht ins Bild. Sie wird als Schwäche gedeutet, ist unerwünscht und in Vergessenheit geraten. Das ist fatal, denn Demut wird verkannt, ist sie doch ein Zeichen von innerer Stärke, Grösse und Professionalität. Genau das braucht es jetzt.
Demut bedeutet, die eigene Begrenztheit und Unvollkommenheit anzuerkennen, ohne sich selbst gering zu schätzen oder kleinzumachen. Das ist weder Abwertung noch Feigheit. Im Gegenteil, es zeugt von Souveränität und purem Realismus. Es geht um ein reales Selbstbild, was gerade im Management entscheidend ist. Führungskräfte, die sich selbst überschätzen, sind gefährlich. Sie gehen leichtfertig Risiken ein und tendieren dazu, Fehler zu vertuschen, um das falsche Bild von sich zu wahren.
Wer demütig ist, weiss, dass man nicht alles wissen kann. Niemand ist perfekt, und damit wird offen umgegangen. Das ist wichtig, denn leider herrscht immer noch der Glaube vor, dass der Chef oder die Chefin alles weiss und auf jede Frage sofort eine Antwort haben muss. Dem ist nicht so. Führung ist Steuerung. Eine Führungskraft sorgt dafür, dass das Wissen und Können aller Mitarbeitenden bestmöglich zur Geltung und zum Einsatz kommen. Man sorgt dafür, dass Antworten und Lösungen gefunden werden. Das Wissen um die eigenen Grenzen und die eigenen Stärken und Schwächen ist zentral für Authentizität und treue Gefolgschaft.
Der Einwand, dass Demut eine dienende Komponente hat, ist richtig; es bedeutet aber nicht, unterwürfig zu sein, sondern, sich in den Dienst einer Sache zu stellen. Es geht um den Beitrag zum Ganzen. So banal das klingen mag, so sehr sollte es in Erinnerung gerufen werden bei all den «Ich-Rufen» im Moment. Natürlich ist jeder Mensch wichtig. Wenn aber jeder nur noch an sich denkt, funktioniert kein Unternehmen mehr. Es braucht jenen Wir-Gedanken, damit Teams motiviert sind und Ziele erreichen. Für Egotrips ist da kein Platz.
Eine demütige Haltung verhindert, dass man die Bodenhaftung verliert. Nicht nur junge Führungskräfte sind dieser Gefahr, besonders nach einer Reihe von Erfolgen, ausgesetzt. Vorgesetzte und Aufsichtsgremien müssen rechtzeitig gegenlenken. Das fängt damit an, Demut vorzuleben. Man hört nicht auf, sich kritisch zu hinterfragen, zu lernen und andere zu fördern. Man geht konstruktiv mit Fehlern um, was Lernen und Innovationen fördert. Altbekannte Pfade dürfen verlassen werden, um Neues auszuprobieren. Bisheriges darf infrage gestellt werden – auch dann, wenn diese Idee ursprünglich vom Chef stammt. Eitelkeiten und Befindlichkeiten spielen keine Rolle.
Demut hilft, ein wirklich offenes Ohr zu haben. Das fördert Vertrauen – die Grundlage menschlichen Miteinanders. Führungskräfte sind darauf angewiesen, dass Mitarbeitende mit momentanen Schwierigkeiten zu ihnen kommen und ihnen davon erzählen. Menschen sind keine Maschinen. Leistungsschwankungen sind normal. Diese zu kennen und entsprechend zu managen, verbessert die Gesamtproduktivität.
Demut hat daher absolut nichts mit Schwäche, Kleinmachen oder gar Erniedrigung zu tun. Im Gegenteil, Demut ist gelebte Führungsstärke, sie baut Vertrauen auf, fördert Zusammenarbeit und Entwicklung. Eine gute Führungskraft stellt sich nicht über ihr Team – sie wächst mit dem Team und sichert somit nachhaltige Erfolge.